Mein Partner und ich kennen uns seit 2,5 Jahren und leben seit 1,5 Jahren zusammen. Wir sind beide vielseitig interessiert und neugierig auf die Welt und führen eine sehr glückliche Beziehung. Wir gehen unsere Beziehung sehr reflektiert an, führen oft lange Gespräche und geben uns Raum, uns weiterzuentwickeln. Darüber hinaus ist er ein sehr respektvoller Mann, dem Gleichberechtigung in der Beziehung sehr wichtig ist.
Nun ist es aber so, dass er eine sehr schwierige Kindheit hatte. Seine Mutter hatte kurz hintereinander zwei verschiedene Beziehungen und mein Partner wurde in der ersten dieser beiden Beziehungen gezeugt. Die Schwangerschaft bemerkte seine Mutter jedoch erst, als sie bereits in der zweiten Beziehung war. So weit, so gut. So etwas kann natürlich passieren und hätte ja auch mit entsprechender Organisation gut ausgehen können.
Jedoch entschied die Mutter meines Partners, ihn in dem Glauben aufzuziehen, ihr zweiter Partner sei sein Vater. Dieser wusste darüber Bescheid, dass es sich nicht um sein eigenes Kind handelt und stimmte dennoch zu, den Jungen wie einen eigenen Sohn aufzuziehen und vorzugeben, er sei der echte Vater. Der biologische Vater wusste auch davon und stimmte der Abmachung zu (Heute ranken sich die unterschiedlichsten Ansichten in der Familie dazu, ob er wirklich einverstanden war oder ob er vor vollendete Tatsachen gestellt wurde. Er sagt, er sei nicht ganz einverstanden gewesen, andererseits kämpfte er auch nicht um die Vaterschaft).
Der Pseudo-Vater zog also meinen Partner als eigenen Sohn zusammen mit der Mutter auf. Jedoch konnte er ihn nicht wie geplant so akzeptieren wie sein eigen Fleisch und Blut und war ihm gegenüber kalt und distanziert. Da mein Partner ADHS hat, mit dem er heute gut umgehen kann auch ohne Medikamente, war er als Kind jedoch anstrengend, unkonzentriert und hyperaktiv. Der Pseudovater hat ihn abgestossen und stetig eingeschüchtert. Als mein Partner 10 Jahre alt war, nahm der Pseudovater ihn auf einen Nachtspaziergang mit, offenbarte ihm dass er gar nicht sein biologischer Vater ist, packte daraufhin seine sieben Sachen und verließ Mutter und Kind ohne Vorwarnung in dieser Nacht. Diese Erfahrung war natürlich ein traumatisches Erlebnis für meinen Partner.
Die Mutter kontaktierte daraufhin den eigentlichen, biologischen Vater und bat um finanzielle Unterstützung, die dieser dann auch prompt anbot und bis zum Ende des Studiums meines Partners leistete. Mein Partner lernte daraufhin auch zum ersten Mal seinen biologischen Vater kennen, der mittlerweile verheiratet war und selbst zwei Kinder hatte.
Ab diesem Moment besuchte er seinen biologischen Vater jedes Jahr eine Woche und es entstand ein regelmässiger, wenn auch spärlicher Kontakt.
Kurz darauf (mein Partner war vielleicht 10 oder 11) hatte seine Mutter einen schweren Unfall der sie für mehrere Jahre ans Bett fesselte, teilweise auch lange Hospiz Aufenthalte. Somit fiel sein zweites Elternteil weg. Daraufhin lebte er noch eine Zeit mit ihr zusammen, relativ verwahrlost, schwänzte die Schule und streifte umher, eine Nachbarin sah manchmal nach ihm. Als seine Familie realisierte, wie wenig die Mutter sich kümmern konnte, holten die Grosseltern ihn zu sich, und nutzten ihren Einfluss um ihn auf eine gute Schule zu bringen und die Versäumnisse nachzuholen, und trotz der Hyperaktivität eine gute Schulkarriere hinzulegen.
Als er ca. 15 war, war seine Mutter wieder auf dem Damm, er zog zu ihr zurück, sie hatte wechselnde Partner, neue wechselnde Vaterfiguren. Er schaffte das Abitur und begann zu studieren. Ab dem Moment wo er zu seinen Grosseltern genommen wurde, ging es quasi bergauf und heute ist er sozial gut eingebunden, hat ein gutes Freundesnetzwerk, und war im Studium und jetzt im Beruf sehr erfolgreich. Er ist emotional stabil, sehr intelligent und reflektierend.
Die jetzige Situation:
Seine Kindheit hat er nahezu vollends verdrängt. Er kann die Geschichte im Großen und Ganzen erzählen, aber kaum genauere Details oder Jahresdaten. Er hat komplett verdrängt wie schlecht ihn der Pseudo-Vater behandelt hat, nur ein zwei kleine Details hat er hervorgenuschelt, um mir zu verdeutlichen wie schlimm es wirklich war. Wenn ich ihn frage wie alt er bei bestimmten Erlebnissen war, kann er oft nicht sagen ob er 10 oder 16, 6 oder 12 war. Die Beziehung zur Mutter ist vorhanden aber kompliziert. Er war bei ihrem Unfall damals dabei und gab sich als Kind die Schuld für ihre Krankheit, später fühlte er sich von ihr im Stich gelassen als sie 5 Jahre quasi kein Teil mehr davon war. Dennoch treffen wir sie circa 1-mal im Monat zum Abendessen mit ihrem jetzigen Ehemann, der sehr nett ist.
Ich habe ihm geraten, zur Therapie zu gehen und alles aufzuarbeiten, und das tut er nun auch und ist erleichtert, sich seiner schwierigen Vergangenheit zu stellen.
Dabei kommen natürlich auch Sachen hoch, die ich nicht wusste und die er sich teils zum ersten Mal seit langem ins Gedächtnis ruft.
So habe ich nun einiges neues erfahren.
Ich habe dieses Wochenende zum ersten Mal seinen leiblichen Vater und dessen Frau kennengelernt, die sehr sympathisch sind und mit denen ich mich auf Anhieb gut verstanden habe. Ich lernte jedoch auch seine Halbschwester kennen, die extrem extrovertiert ist. Sie war auf den allerbesten Schulen und studiert nun an einer Eliteuniversität in Grossbritannien. Sie redet ununterbrochen und es war sehr anstrengend sie kennenzulernen, da sie wenig Interesse an mir, der Partnerin ihres Halbbruders zeigte, und das Gespräch sich meist um sie selbst dreht. Sie ist schon sehr nett aber nimmt einfach extrem viel Raum ein.
Gestern war die 50. Geburtstagsparty des Bruders seines biologischen Vaters und wir feierten dort mit dem biologischen Vater meines Partners, dessen Frau und der Halbschwester in grosser Gesellschaft.
Dort hat mir mein Partner offenbart, dass er gar nicht nahtlos von seiner Mutter zu den Grosseltern kam, sondern bei extrem vielen Verwandten herumgereicht wurde und alles wohl sogar noch schlimmer abgelaufen sein muss, als ich es bisher dachte. Er war den Abend über verklemmt weil der besagte Onkel (das Geburtstagskind) auch einer der Verwandten war, bei denen mein Partner anscheinend sogar ein ganzes Jahr gelebt hat, wovon ich bisher gar nichts wusste. Und wie ich nun erfahren musste, gibt es noch mehr solcher Geschichten von denen ich nichts wusste. Mein Partner hat anscheinend Schuldgefühle weil es so viele Menschen gibt die sich zeitweise um ihn gekümmert haben und er denkt, er müsse etwas zurückgeben. Jedoch sind es so viele verschiedene Menschen, dass es kaum möglich ist zu allen eine regelmässige und tiefgehende Beziehung zu führen, mein Partner scheint überfordert. An dem Abend wollte er auch gar nicht tanzen, war abwechselnd anhänglich, dann wieder distanziert zu mir. Sehr ungewöhnlich für ihn, er fühlte sich sichtlich unwohl.
Er war in ein Gespräch mit seiner Halbschwester verwickelt als ich entschloss, die Party zu verlassen (gegen 2 Uhr morgens). Ich sagte ihm, er solle es geniessen und ich würde mich freuen wenn er dann später nachkäme. Ich schaute mir noch eine Serie an und beschloss, noch etwas wach zu bleiben. Ich dachte es sei nett, wenn er heimkäme und ich noch wach bin und wir etwas über den Abend quatschen könnten und darüber reden, wieso er sich auf der Party so unwohl fühlte.
Tatsächlich kam er dann circa 2 Stunden später heim und freute sich, mich wach vorzufinden. Und da kam dann der Hammer: Er erzählte mir, er habe gerade ein langes, tiefgründiges und aufklärendes Gespräch mit seiner Halbschwester geführt und sie hätten zum ersten Mal darüber gesprochen, dass sie in ihrer Jugend eine Art Verliebtheit erlebten. Er war 15 und sie 12 (er war spätreif und noch naiv und jungfräulich in dem Alter) und sie hatten ja nie voneinander gewusst, geschweige denn zusammen aufgewachsen. Und beim Annähern an diesen fremden anderen Teenager, der plötzlich die Schwester / der Bruder sein sollte, habe sich eine Art romantische Schwärmerei entwickelt, die so weit ging, dass die beiden in einem Bett schliefen und ero. Gefühle füreinander hegten. Es blieb wohl bei Kuscheleien, nicht mal Küsse wurden ausgetauscht.
Jedoch: Als er mir das erzählte wurde mir wortwörtlich kotzübel. Ich muss sagen, diese Information am selben Tag zu erfahren, an dem ich die stark übergriffige Halbschwester kennengelernt habe, war dann doch ganz schön viel auf einmal.
Und ohne überhaupt eine Meinung gebildet zu haben, schockierte mich diese Information total und ich fand den Gedanken instinktiv geradezu abstoßend.
Ich liebe ihn und möchte ihn dabei unterstützen, seine Vergangenheit aufzuarbeiten.
Aber so viele neue Informationen auf einmal zu erfahren, gibt mir ein bisschen das Gefühl, als hätte ich absolut keine Ahnung was bei ihm wirklich abgegangen ist. Ich dachte, Details würden sich herauskristallisieren, aber nicht, dass die Story seiner Vergangenheit auf einmal so viele neue, ganz andere Wendungen bringt.
Es kommt ein wenig das Gefühl auf, ich hätte keine Ahnung, wer er wirklich ist.
Es ist natürlich alles Vergangenheit, aber trotzdem; so etwas kann ja auch das Licht ändern, in dem man seinen Partner sieht.
Die Vorstellung, dass er seine Halbschwester begehrt hat, finde ich obwohl ich eigentlich sehr offen bin auf einer ganz rudimentären Ebene abstossend und finde den Gedanken seltsam wie soll ich mit ihm schlafen, S. mit ihm haben in diesem Wissen?
Andererseits scheint das bei Halbgeschwistern die sich plötzlich kennenlernen noch öfters mal vorzukommen, dass die Überforderung der neuen Situation eine Vermischung von Geschwisterliebe und Fremdenliebe, Schwärmerei/ero. herbeiführen kann.
Das war gestern, ich habe ihn kaum berührt seitdem. Ich bin immer noch ein bisschen im Schockzustand und gleichzeitig bin ich ja hier bei seiner Familie zu Besuch, musste besagter Halbschwester auch noch heute beim Frühstück begegnen und Konversation betreiben, sie dann nett verabschieden.
Ihm habe ich all meine Gedanken mitgeteilt. Er ist ein wenig hilflos und befürchtet, etwas zwischen uns kaputt gemacht zu haben. Er respektiert dass ich jetzt erstmal darüber nachdenken muss und es für mich verwirrend ist. Und hat nochmals betont, dass er nur durch mich die Kraft hat, sich überhaupt seiner Vergangenheit zu stellen und ich das Allerwichtigste in seinem Leben bin.
Was würdet ihr tun? Glaubt ihr, so etwas kommt bei Halbgeschwistern die sich erst spät kennenlernen, öfter vor? Würde euch der Gedanke abstossen oder ist es vielleicht auch alles gar nicht so wild, schließlich haben sie ja nur gekuschelt?
Könnt ihr nachvollziehen, wie ich mich fühle? Wie soll ich mit dem Thema der S. umgehen?
Und wie würdet ihr damit umgehen, dass bei einem Verarbeitungsprozess der Vergangenheit so viele neue Blickwinkel und Infos dazukommen, die einem das Gefühl geben, man kennt der Partner gar nicht richtig?
03.02.2019 23:03 •
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