@Küstenperle
Wenn ich Dich richtig verstehe, schreibst Du mir, Du hast Frieden mit dem, wie Dein Vater ist, geschlossen, weil er ist, wie er ist und kaum die Möglichkeit hatte, anders zu werden. Es tut mir leid, dass Du es so schwer hattest mit Deinen Eltern.
Ich habe die Kriegskinder- und Kriegsenkelliteratur durch. Das war hilfreich. Ich weiß, warum mein Vater voller Minderwertigkeitskomplexe steckt. Ich weiß, dass er mich liebt. Ich liebe ihn. Das ist unbestritten und stelle ich auch nicht in Frage. Ich erkenne an, dass meine Eltern alles getan haben, was sie für das Richtige hielten, um uns groß zu kriegen und ich denke, dass niemand mehr von seinen Eltern verlangen kann. Ich bin ihnen dankbar dafür.
Meine Eltern können keine Konflikte austragen. Eine andere Meinung als die ihrige bedeutet, dass ihrerseits die gesamte Beziehung in Frage gestellt wird.
Wie? Du hast eine andere Meinung? Du kritisierst und gar? Du sagst uns, wir überschreiten Deine Grenzen? Dann haben wir wohl alles falsch gemacht! Du musst ja eine schreckliche Kindheit gehabt haben?!
Sie haben es nicht anders gelernt. Aber das bedeutet nicht, dass es meine Verpflichtung ist, ihre Defizite zu Lasten meiner eigenen Lebensqualität länger, als ich es tat, auszuhalten.
Ich möchte eine vertraute Kollegin zitieren, die über ihre Eltern sagte Sie wollten das Beste für uns, sie taten und gaben ihr Bestes und dennoch war es vollkommen am Bedarf (der Kinder) vorbei.
Als wir groß wurden, wurde noch nicht so auf das Kind als Individuum geachtet, wie es heute der Fall ist. Es war eine andere Zeit. Es ging mehr darum, ordentlich angezogen zu sein und zu essen zu haben. Darüber hinaus gehende Bedürfnisse wurden eher nicht beachtet. Das ist okay. So war nunmal das Verständnis davon, Kinder groß zu kriegen in dieser Zeit. Damit hadere ich nicht.
Aber ich habe mein gesamtes Erwachsenenleben versucht, gegen die destruktiven und negativen Einflüsse meines Vaters meine Seele zu schützen. Als von Depressionen Betroffene, die permanent damit kämpft, dem Leben schöne Seiten abzugewinnen, ist es für mich unmöglich, länger Zeit mit einem Menschen zu verbringen, aus dessen Mund ausschließlich negative Dinge kommen. Alles ist schlecht. Alle Menschen haben schlechte Absichten. Er weiß alles besser. Verschwörungstheorien noch und nöcher. Er ist eigentlich ein guter Mensch, aber er verdirbt es sich mit allen anderen, weil er immer mit dieser Ich-weiß-was-Mentalität unterwegs ist und über andere Menschen redet. Er sät damit Zwietracht und Zweifel - bevorzugt in Angelegenheiten anderer, die ihn nichts angehen. Es bereitet mir körperliche Schmerzen, es schnürt mir den Atem ab. Wenn so ein Redeschwall über mich nieder geht, möchte ich nur da sitzen und heulen. Jeder Versuch, ihn zu bremsen, ihm zu sagen, dass mir das nicht gut tut, dass ich das nicht möchte, erreichte sein Ziel nicht. Weder vernünftige, noch scherzhafte, noch laute Ansagen erreichten ihr Ziel.
Darüber hinaus war der Punkt erreicht, an dem ich nach 40 Jahren Duldsamkeit (frei nach dem Motto: der Klügere gibt nach) nicht mehr bereit war, mich von meinem Vater wegen irgendwelcher Nichtigkeiten sinnlos anbrüllen zu lassen, während es zeitgleich als selbstverständlich angesehen wurde, dass ich meinen Eltern immer und immer wieder helfe, einspringe, mein eigenes Leben zurück stelle, mir alles gefallen lasse, zuhöre usw. Undank ist der Welt Lohn.
Mein Vater betrachtet mich als sein Eigentum und sich selbst als unanfechtbare Autoritätsperson, ohne zu verstehen, dass man sich eine solche Position verdienen muss und dass er es mit einer Erwachsenen zu tun hat. Das alles ist Audruck seiner Hilflosigkeit und Unterlegenheit. Das ist mir bewusst. Das tut mir für ihn unfassbar leid. Es tut mir leid, dass er ein so unglücklicher Mensch werden musste und dennoch bin ich nicht bereit, das länger über mich ergehen zu lassen. Ich bin für sein Leben nicht verantwortlich.
Wer mich, wer meine Zuneigung, meine permanente Hilfe, meine Pflege, meine Verstand, meine Fürsorge, meine Versuche, die schönen Seiten des Lebens vor Augen zu führen, meine Warnsignale und Grenzen nicht zu schätzen weiß bzw. akzeptiert, kann nicht länger einen aktiven Platz in meinem Leben einnehmen. Ich muss meine Gesundheit schützen.
Interessant war: eine meiner Freundinnen hat diese Probleme nie so richtig verstanden, bis vor kurzem ihr Mann mit meinem Vater in eine Diskussion bzw. in die Situation geriet, einen dieser destruktiven Monologe meines Vaters über sich ergehen zu lassen. Seitdem weiß sie, wovon ich spreche.
Doch. Natürlich kenne ich den Audruck durch die Blume, aber ich hatte dennoch nicht verstanden, was Du mir sagen wolltest.