5 Monate
Da sind wir also. Fünf Monate nachdem ich verlassen wurde. Fünf Monate mehr auf der Habenseite meines Singlekontos. Wenn mein Geldkonto auf der Habenseite so gut mit Ersparnissen gefüllt wäre wie mein Singlelebenkonto, könnte ich den Rest meines Lebens in Saus und Braus leben. Das wäre nur fair.
Vorgestern dachte ich noch daran, dass heute fünf Monate vorbei sind. Heute fiel es mir tatsächlich erst um 7.30 Uhr ein und zwar nachdem ich, ohne trübe Gedanken (!), unser Lieblingsfrühstück nur für mich bereitet und genossen habe. Wer weiß, was er jetzt für ein Lieblingsfrühstück hat.
Heute hätten wir uns auf die Rückreise aus dem Urlaub gemacht, damit er rechtzeitig zu Beginn seiner Urlaubssperre wegen zurück ist. Dieser mich so melancholisch stimmende Zeitraum ist nun also auch bald vorbei. Wir wären wohl noch nach Paris gefahren. Kaum zu glauben, dass ich mich vor noch gar nicht so langer Zeit noch damit befasste, welche Voraussetzungen erfüllt sein müssen, wenn man in Frankreich heiraten wollte. Aus heutiger Sicht komme ich mir selten dumm vor.
Tatsächlich gab es seit fast fünf Monaten und der Zusendung meiner Sachen keinen Pieps mehr von ihm. Ich wollte das so. Er hält sich daran. Ich auch. Aber mein Ego schreit Vermiss´ mich, Du A*sch. Es schreit auch noch Leide, weil Du einen großen Fehler gemacht hast. und Ich habe eh etwas Besseres verdient, einen Besseren!
Aber das ist nur mein Ego. Der Rest von mir wünscht ihm, dass es ihm gut geht, wohin immer sein Weg ihn auch führt. Ich sehe vor meinem geistigen Auge aus der Vogelperspektive unseren gemeinsamen Weg und wie er sich seit Jahreswechsel teilt, auseinander driftet und immer weiter voneinander wegführt. Die Strecke, die er zurück gelegt hat, ist wohl viel länger als meine. Ich vegetierte ja doch sehr lange in Schockstarre fassungslos im Straßengraben.
Es ist endgültig. Wenn ich jetzt daran denke, kullern immer noch ein paar dicke Tränen um etwas Verlorenes. Es ist wie die Erinnerung einen geliebten verstorbenen Menschen.
Es ist schon länger nicht mehr diese bleiernde Traurigkeit, die sich rund um die Uhr über alles legt und mich handlungsunfähig macht. Es sind jetzt eher Momente oder Phasen, in denen ich sehr allein, verzweifelt oder einsam bin. In den anderen Momenten beschäftigen mich die Herausforderungen des Lebens, die mich zurzeit schier verzweifeln lassen, weil es seit zu langer Zeit zu viele sind.
Doch bei allem Verlust und bei allem, was in der Zwischenzeit noch an Ungutem geschah und geschieht, habe ich den Alltag wieder aufgenommen.
Es ergeben sich neue Kontakte zu bemerkenswerten und bereichernden Menschen. Diese sind auch gut für mein verletztes Ego, denn ich habe das Gefühl, zumindest in Teilen gesehen und angenommen zu werden und dass nicht alles ausschließlich Stagnation ist. Es ist natürlich anders als große Liebesgefühle, begehrt und umsorgt zu werden. Esist kein Ersatz dafür. Es ist etwas, das auf anderen Ebenen stattfindet. Dafür sagen mein Ego und der Rest von mir Danke.
Wie schlecht es mir geht und wie nötig ich Zuwendung und Freundlichkeit habe, wurde mir gestern morgen bewusst, als ich Dankbarkeit für die gute Laune und Freundlichkeit der Bäckereiverkäuferin verspürte. Es ist wie ein bisschen Aloe Vera auf die empfindliche Seele. Erschreckend, wie bedürftig ich bin.
Eine Chance auf Vernarbung der Wunden kann ich noch nicht erkennen. Im Moment sehe ich für die Zukunft eher nässenden Stellen, die von Zeit zu Zeit wieder heftig aufbrechen werden. Ich befürchte, das sie sich immer dann wieder bemerkbar machen werden, wenn mir jemand zu nahe kommt. Aber vielleicht wandelt sich auch das im Laufe der Zeit.
Gestern sprach ich mit einer jungen Frau, der sehr übel mitgespielt worden ist, was vermutlich nicht passiert wäre, wenn ich nicht so lange krank gewesen wäre. Ich hätte das vermutlich verhindern können und finde es auch überhaupt nicht richtig, was da passiert ist. Doch jetzt ist es zu spät. Ich finde, sie hatte es verdient, bei mir ihrer Wut und Enttäuschung Luft machen zu können und mir die Geschichte aus ihrer Sicht zu erzählen. Sofern sie das denn wollte. Denn klar war, dass ich jetzt nichts darüber hinaus Gehendes mehr für sie tun kann. Bevor ich krank wurde, war ich für sie verantwortlich.
Ich habe versucht, den Supergau auf den letzten Metern noch zu verhindern, aber man hat mich infolgedessen kalt gestellt und entmachtet. Ich bin zu unbequem, weil ich von Menschen statt Ressourcen spreche und mit ihnen wie Lebewesen statt Inventar umgehe. Die letzten Jahre bedeutete das, sehr viel abfedern zu müssen.
IHN hat das oft geärgert, denn er hat gesehen, wieviel Kraft es gekostet hat und dass ich darüber oft vollkommen erschöpft war. Mein Zuhause bei ihm war ein großer Teil meiner Kraftquelle.
Die junge Frau ist sehr verzweifelt und hat viel geweint. Doch in all ihrer Verzweiflung sagte sie u.a. zu mir Du hast zurzeit auch keinen leichten Stand, oder?
Denn selbst zu ihr und trotz ihrer eigenen existenziellen Sorgen hatte sich herumgesprochen, wie man mir gerade mitspielt. Das und andere Begebenheiten der letzten Tage hat mir gezeigt, dass ich doch vieles richtig mache. Auch das ist Balsam für meine Seele. Ich möchte nicht anders sein, als ich bin. Ich werde damit immer anecken, aber ich kann nicht den leichteren Weg gehen statt den moralisch vertretbaren, um es bequemer zu haben. Das entspricht mir nicht.
Selbst vor Jahren in der Therapie sagte man mir, ich würde niemals erreichen, mir dickfellig alles am Allerwertesten vorbei gehen zu lassen. Bestenfalls fände ich einen Umgang damit, der für mich selbst nicht gesundheitsschädigend ist. Es ist schon verrückt, wie Menschen in der Lage sind, sich selbst zu schaden und das Leben schwer zu machen.
So geht es weiter.
17.06.2017 07:50 •
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