Hallo Taleja,
es sollte meiner Meinung nach tatsächlich nun deine oberste Priorität sein, eine neue Bleibe für dich und deinen Sohn zu finden. Du sagst, es ist nicht so einfach und eine Zwischenlösung kommt für dich nicht in Frage. Auch führst du oft deinen Sohn an, der nicht zu viel leiden soll und du nimmst an, dass er mit Trennung plus neuer Wohnung überfordert sein könnte, wenn nicht alles so passt. Ich denke, dein Sohn hat mehr daran zu knabbern, wie der Ist-Zustand ist. Er erlebt einen Vater, der zwar ab und an noch physisch anwesend ist, aber offensichtlich keine tiefe emotionale Bindung mehr zu seiner Familie empfindet. Ich möchte deinen Ex wirklich nicht in Schutz nehmen, er hat sich in dieser ganzen Affaire nicht mir Ruhm bekleckert, aber ich kann sein jetziges Verhalten zum Teil nachvollziehen: er fühlt sich in seinem eigenen Haus beobachtet, denkt, er muss seine Kinder belügen ( sind es wirklich bosartige Lügen oder Schutzbehauptungen, um nicht als böser Papa dazustehen ?) wenn er Zeit mit seiner Freundin verbringt, fühlt sich von deiner Anwesenheit genervt, merkt kein richtiges Weiterkommen in Sachen Trennung und muss gegen seinen Willen immer noch mit dir engen Kontakt haben, weil du nicht ausziehst. Da er sich in der Familie aufgrund seiner Affaire ohnehin als Buhmann sieht, fühlt er sich auch nicht mehr wohl und strahlt das euch gegenüber aus. Ich denke, wenn du ausgezogen wärst, würde sich auch sein Verhalten sehr deutlich entspannen. Er könnte dann mit einem gewissen Abstand Qualitätszeit mit seinen Kindern verbringen.
Durch die aufgezwungene Nähe zwischen euch wirst du gegen deinen Willen in die Rolle gedrängt, die lauernde Ex-Frau zu sein. Was sagt er ? Wie verhält er sich ? Was macht er ? Wann kommt er nach Hause ? Ob du es willst oder nicht, du merkst ja selber, wie er dich immer wieder aufregen kann durch seine Worte oder seine Handlungen . Und du gerätst dadurch leicht in die Rolle einer Ex-Frau, die nun- weil abgewiesen- eine gewisse Genugtuung daraus zieht, akribisch nach Fehlern ihres Ex zu suchen und sich quasi mit den Kindern zu verbünden. Zudem stehst du wahrscheinlich vor seiner Fraktion da als schwache, unselbständige, nicht loslassen könnende, klammernde Ex-Frau da, die sich null bemüht, eine eigene Bleibe zu finden.
Kurzum: ich halte die jetzige Situation für komplett ungesund, für dich, für die Kinder für den Ex. Keiner von euch kommt dabei irgendwie zu Ruhe: die Kinder stehen zwischen den Stühlen, sehen, dass es dir nicht gutgeht, fühlen sich vermutlich verpflichtet, Partei für dich zu ergreifen, weil ja der Papa der Böse ist, der die Familie verlassen hat. Der Ex ist gegen seinen Willen gezwungen, mit einer Frau zusammen zu leben, mit der er nicht mehr zusammen leben will und du umgekehrt ebenfalls plus noch deine Belastung, die Demütigung zu ertragen, vom Good-Will deines Ex abhängig zu sein und mitansehen zu müssen, wie er das Leben mit seiner Neuen gestaltet.
Ich bin wie schon einige Vorredner ebenfalls der Meinung, dass die Umstellung für deinen Sohn, in eine nicht ganz so komfortable Übergangs-Bleibe einzuziehen, wesentlich gesünder wäre und weniger Schaden anrichten würde, als ihn weiter der Ist-Situation auszusetzen. Er würde dann eine entschlossene, handelnde Mutter erleben, die im Reinen ist mit der Situation. Die nicht mehr die Handlungen ihres Ex beobachtet und ihre Tageslaune davon abhängig macht ob der Ex nun gerade mal wieder Bockmist verzapft hat oder nicht.
Mir ist durchaus bewusst, dass es als Außenstehender immer alles viel leichter gesagt ist als wenn man selber in der Situation steckt. Du befindest dich immer noch in einer Ausnahmesituation, deine jahrzehntelange Lebensplanung mit Mama, Papa, Kindern ist in sich zusammen gebrochen. Du hast keine Wohnung, keine Arbeit, die dich finanzieren kann und Angst vor der Zukunft. Sowas lähmt. Man richtet sich dann gerne in einer unschönen, aber doch gewohnten und vermeintlich sicheren Zwischenstation ein ( da weiß man wenigstens was man hat) als den Schritt ins Ungewisse zu wagen. Ähnlich wie die Passagiere damals auf der Titanic, die lieber im schönen, sicheren Restaurant blieben statt in die Rettungsboote zu steigen.
Und man findet dann auch gerne Gründe und Ausreden warum dieses und jenes gerade nicht geht. Sohn würde leiden, kein Wohnraum in der Nähe. Du hattest ja bereits eine Wohnung in Aussicht damals, die für dich aber aus diversen Gründen nicht in Frage kam. Es wäre ein Absprung gewesen- mit Abstrichen, sicher, der gewohnte Komfort deines Hauses wäre weg gewesen aber du hättest einen anderen Luxus gehabt: Freiheit, Stolz, Selbständigkeit.
Taleja ich kann dir wirklich nur ans Herz legen, mit aller Kraft und oberster Priorität aus deiner jetzigen Situation heraus zu kommen. Auch wenn du zwei oder drei oder auch vier Abstriche machen musst, nimm jedes Wohnungsangebot an, das sich dir bietet, alles ist besser als in diesem unwürdigen Zustand zu verbleiben.